„FIDE-Präsident kann ich später noch
werden“
Interview mit Anatoli Karpow
Von Dagobert Kohlmeyer
Als UNICEF-Botschafter Ihres Landes setzen Sie sich für
die Nachwuchsförderung ein, besonders natürlich im
Schachsport. Es ist nicht Ihre erste Schule in Deutschland,
die Sie eröffnet haben.
Ich freue mich über diese neue Schachschule, umso mehr, da
sie ein deutsch-russisches Gemeinschaftsprojekt ist. 1988
leitete ich zum ersten Mal eine Schachschule in Moskau. Ein
Jahr später eröffnete ich eine in Berlin, die allerdings
nicht sehr lange existierte. Aber das hing mit dem Ende der
DDR zusammen. Seit 1998 arbeitet in Baden-Baden die erste
Schachakademie Deutschlands unter meiner Schirmherrschaft.
Ihr Vorgänger auf dem WM-Thron, Bobby Fischer, machte vor
knapp zwei Monaten Schlagzeilen, als er nach Island reisen
durfte. Welche Erinnerungen haben Sie an den Amerikaner?
Sehr viele, auch wenn wir uns am Brett nicht begegnet sind.
Aber wir haben uns Mitte der 70er Jahre dreimal zu
Geheimgesprächen getroffen: in Japan, in Spanien und in den
USA. Leider kam unser WM-Match auf Grund von Fischers
starrer Haltung nicht zustande, - das nenne ich immer ein
Versäumnis der Schachgeschichte.
Findet der 11. Weltmeister nun auf der Insel seine Ruhe?
Es ist ihm zu wünschen. Gut, dass seine Odyssee jetzt zu
Ende ist. Ich denke, es wurden Fehler gemacht, und zwar auf
beiden Seiten. Schlecht war, wie sich Fischer mit
Hasstiraden gegenüber seinem Heimatland aufgeführt hat. Aber
auch die Amerikaner mussten sich ihm gegenüber nicht so
rigide verhalten. Die Isländer dagegen sind großartig.
Wie kommentieren Sie den Abschied Ihres Dauerrivalen
Garri Kasparow vom Profischach?
Was ihn betrifft, so ist es durchaus möglich, dass er noch
einmal zurückkommt. Ich denke, er hat sich diesen Schritt
vielleicht nicht gründlich genug überlegt.
Die Krise der FIDE in Bezug auf die Ermittlung des
einzigen Schachweltmeisters dauert an. Haben Sie einen
brauchbaren Vorschlag, wie man das Problem lösen kann? Oder
halten Sie das geplante 8ter Turnier in Argentinien für eine
gute Idee?
Nun, es war völlig klar, dass Kasparow dort niemals spielen
würde, auch wenn er seine Karriere nicht beendet hätte. Und
dass sie zuerst auch Kramnik einluden, ohne ihn zu fragen,
zeigt, man denkt in der Chefetage des Weltverbandes einfach
nicht realistisch.
Verstehen Sie die Position Wladimir Kramniks, dort nicht
anzutreten?
Ja natürlich, er trägt den Titel. Das Problem ist, in der
FIDE sitzen derzeit unfähige Funktionäre. Diejenigen
Personen, die im Moment die Geschäfte leiten und lenken,
denken nicht genug. Es wollen Schachspieler sein, aber sie
überlegen nicht, und das sollte doch die hervorstechende
Eigenschaft von Leuten sein, die mit Schach zu tun haben.
Zurzeit sind andere Typen am Ruder, als wir brauchen.
Vernünftige Überlegungen sind für sie offensichtlich nicht
notwendig.
In der Schachwelt wird deshalb der Ruf immer lauter: Wann
wird Anatoli Karpow FIDE-Präsident?
Die Frage ist heute noch nicht aktuell. Für die Zukunft
schließe ich sie aber nicht aus. Auf jeden Fall müssten die
jetzigen Leute erst einmal verschwinden. Das ist die erste
Voraussetzung, wenn ich mich engagieren soll. Die derzeitige
Politik unserer Föderation zerstört das Schach, das ist
klar.
Wer wird aus Ihrer Sicht der nächste Schachweltmeister?
Es gibt etliche Talente in der Welt. Ich denke, dass der
Ukrainer Sergej Karjakin die größten Chancen hat. Er
durchlief eine gute Schule und bringt die notwendigen
Fähigkeiten sowie das entsprechende Spielverständnis mit.
Das ist schon eine andere Generation. Früher nahmen Sie
zu einem WM-Duell Tonnen von Schachbüchern mit. Heute genügt
den Spielern ein Notebook. Welche Zeit war angenehmer?
In der Tat nahmen mein Team und ich zu den WM-Matches gegen
Kortschnoi 1978 nach Baguio und 1981 nach Meran jeweils
mehrere Container Bücher mit. Ein Notebook hilft zwar sehr,
aber es reicht nicht aus. Das Problem besteht darin, dass es
die jungen Leute überhaupt verlernt haben, Bücher zu lesen.
Der Computer kann einem Schachspieler nicht alles geben. Vor
allem vermittelt er keine solide schachliche Bildung.
Was bedeutet das konkret?
Die Maschine kann Züge und Varianten vorgeben, aber was das
schachliche Wissen angeht, so sind ihr klare Grenzen
gesetzt. Ein Computer kann auch kein Verständnis für die
Geschichte unseres alten Spiels vermitteln, ohne das man
jedoch auf höchstem Niveau nicht auskommt. Ich bin der
Meinung, wir alle müssen das Verhältnis zwischen Mensch und
Computer überdenken.
Sie betreiben seit längerem nicht mehr das harte
Wettkampfschach, sondern gingen schon früh in die Politik.
Kasparow hat das jetzt auch getan. Wird er damit Erfolg
haben, oder zweifeln sie daran?
Ich glaube nicht, dass er viel Erfolg haben wird. Aber er
hat eben sehr starke Ambitionen, und diese will er jetzt
unbedingt verwirklichen. Ich denke, Kasparow ist für Putin
geradezu ein Wunschgegner. Weil er dem Kreml-Chef im Kampf
als Oppositioneller überhaupt nicht gefährlich werden kann.
Seine Erfolgsaussichten sind sehr gering.
Sie hingegen sammelten in der Politik schon viele
Meriten, zum Beispiel als langjähriger Präsident des
russischen Friedensfonds und als UNICEF-Botschafter. Das
bedeutet aber auch sehr viele Reisen. Wie oft sehen Sie Ihre
Frau und Tochter in Moskau?
Leider viel zu selten. Dennoch kann ich Sie beruhigen. Bei
uns zu Hause ist alles in Ordnung.