Interview mit Anatoly Karpov

Von Dagobert Kohlmeyer

(Pfingsten 2005)


„FIDE-Präsident kann ich später noch werden“
Interview mit Anatoli Karpow
Von Dagobert Kohlmeyer

Als UNICEF-Botschafter Ihres Landes setzen Sie sich für die Nachwuchsförderung ein, besonders natürlich im Schachsport. Es ist nicht Ihre erste Schule in Deutschland, die Sie eröffnet haben.

Ich freue mich über diese neue Schachschule, umso mehr, da sie ein deutsch-russisches Gemeinschaftsprojekt ist. 1988 leitete ich zum ersten Mal eine Schachschule in Moskau. Ein Jahr später eröffnete ich eine in Berlin, die allerdings nicht sehr lange existierte. Aber das hing mit dem Ende der DDR zusammen. Seit 1998 arbeitet in Baden-Baden die erste Schachakademie Deutschlands unter meiner Schirmherrschaft.

Ihr Vorgänger auf dem WM-Thron, Bobby Fischer, machte vor knapp zwei Monaten Schlagzeilen, als er nach Island reisen durfte. Welche Erinnerungen haben Sie an den Amerikaner?

Sehr viele, auch wenn wir uns am Brett nicht begegnet sind. Aber wir haben uns Mitte der 70er Jahre dreimal zu Geheimgesprächen getroffen: in Japan, in Spanien und in den USA. Leider kam unser WM-Match auf Grund von Fischers starrer Haltung nicht zustande, - das nenne ich immer ein Versäumnis der Schachgeschichte.

Findet der 11. Weltmeister nun auf der Insel seine Ruhe?

Es ist ihm zu wünschen. Gut, dass seine Odyssee jetzt zu Ende ist. Ich denke, es wurden Fehler gemacht, und zwar auf beiden Seiten. Schlecht war, wie sich Fischer mit Hasstiraden gegenüber seinem Heimatland aufgeführt hat. Aber auch die Amerikaner mussten sich ihm gegenüber nicht so rigide verhalten. Die Isländer dagegen sind großartig.

Wie kommentieren Sie den Abschied Ihres Dauerrivalen Garri Kasparow vom Profischach?

Was ihn betrifft, so ist es durchaus möglich, dass er noch einmal zurückkommt. Ich denke, er hat sich diesen Schritt vielleicht nicht gründlich genug überlegt.

Die Krise der FIDE in Bezug auf die Ermittlung des einzigen Schachweltmeisters dauert an. Haben Sie einen brauchbaren Vorschlag, wie man das Problem lösen kann? Oder halten Sie das geplante 8ter Turnier in Argentinien für eine gute Idee?

Nun, es war völlig klar, dass Kasparow dort niemals spielen würde, auch wenn er seine Karriere nicht beendet hätte. Und dass sie zuerst auch Kramnik einluden, ohne ihn zu fragen, zeigt, man denkt in der Chefetage des Weltverbandes einfach nicht realistisch.

Verstehen Sie die Position Wladimir Kramniks, dort nicht anzutreten?

Ja natürlich, er trägt den Titel. Das Problem ist, in der FIDE sitzen derzeit unfähige Funktionäre. Diejenigen Personen, die im Moment die Geschäfte leiten und lenken, denken nicht genug. Es wollen Schachspieler sein, aber sie überlegen nicht, und das sollte doch die hervorstechende Eigenschaft von Leuten sein, die mit Schach zu tun haben. Zurzeit sind andere Typen am Ruder, als wir brauchen. Vernünftige Überlegungen sind für sie offensichtlich nicht notwendig.

In der Schachwelt wird deshalb der Ruf immer lauter: Wann wird Anatoli Karpow FIDE-Präsident?

Die Frage ist heute noch nicht aktuell. Für die Zukunft schließe ich sie aber nicht aus. Auf jeden Fall müssten die jetzigen Leute erst einmal verschwinden. Das ist die erste Voraussetzung, wenn ich mich engagieren soll. Die derzeitige Politik unserer Föderation zerstört das Schach, das ist klar.

Wer wird aus Ihrer Sicht der nächste Schachweltmeister?

Es gibt etliche Talente in der Welt. Ich denke, dass der Ukrainer Sergej Karjakin die größten Chancen hat. Er durchlief eine gute Schule und bringt die notwendigen Fähigkeiten sowie das entsprechende Spielverständnis mit.

Das ist schon eine andere Generation. Früher nahmen Sie zu einem WM-Duell Tonnen von Schachbüchern mit. Heute genügt den Spielern ein Notebook. Welche Zeit war angenehmer?

In der Tat nahmen mein Team und ich zu den WM-Matches gegen Kortschnoi 1978 nach Baguio und 1981 nach Meran jeweils mehrere Container Bücher mit. Ein Notebook hilft zwar sehr, aber es reicht nicht aus. Das Problem besteht darin, dass es die jungen Leute überhaupt verlernt haben, Bücher zu lesen. Der Computer kann einem Schachspieler nicht alles geben. Vor allem vermittelt er keine solide schachliche Bildung.

Was bedeutet das konkret?

Die Maschine kann Züge und Varianten vorgeben, aber was das schachliche Wissen angeht, so sind ihr klare Grenzen gesetzt. Ein Computer kann auch kein Verständnis für die Geschichte unseres alten Spiels vermitteln, ohne das man jedoch auf höchstem Niveau nicht auskommt. Ich bin der Meinung, wir alle müssen das Verhältnis zwischen Mensch und Computer überdenken.

Sie betreiben seit längerem nicht mehr das harte Wettkampfschach, sondern gingen schon früh in die Politik. Kasparow hat das jetzt auch getan. Wird er damit Erfolg haben, oder zweifeln sie daran?

Ich glaube nicht, dass er viel Erfolg haben wird. Aber er hat eben sehr starke Ambitionen, und diese will er jetzt unbedingt verwirklichen. Ich denke, Kasparow ist für Putin geradezu ein Wunschgegner. Weil er dem Kreml-Chef im Kampf als Oppositioneller überhaupt nicht gefährlich werden kann. Seine Erfolgsaussichten sind sehr gering.

Sie hingegen sammelten in der Politik schon viele Meriten, zum Beispiel als langjähriger Präsident des russischen Friedensfonds und als UNICEF-Botschafter. Das bedeutet aber auch sehr viele Reisen. Wie oft sehen Sie Ihre Frau und Tochter in Moskau?

Leider viel zu selten. Dennoch kann ich Sie beruhigen. Bei uns zu Hause ist alles in Ordnung.

 


Karpow mit Frau Natalja und Tochter Sofia

 




 

 

12.09.2007                                                                           email an Verein