Eine Weltmeister-Geschichte

(zusammengetragen von Guido Kraus)

 


Anatoly Karpov wurde am 23.Mai1951 in Slatoust (Rußland) geboren. Mit vier Jahren lernte der kleine Anatoly das Schachspielen von seinem Vater. Von 1964 - 1968 nahm er an einem vom Ex-Weltmeister Botwinnik geleiteten Fernschachkurs teil. Während dieser Zeit wurde Anatoly mit 15 Jahren im Jahre 1966 der jüngste Schachmeister der Sowjetunion.

Nach Beendigung seines Schachfernkurses wurde er vom Großmeister Semjon Furman betreut und auch fortgebildet. 1968 begann er am Institut für Mathematik und Mechanik der Universität Moskau ein Studium. Ein halbes Jahr später jedoch wechselte er zur Universität Leningrad, an der er Wirtschaftswissenschaften, Englisch und Spanisch studierte. Mit einer Diplomarbeit zum Thema “Die Freizeit und ihre ökonomische Bedeutung im Sozialismus” schloß er 1978 sein Studium ab.

Bereits mit 18 Jahren errang Karpov den Weltmeistertitel der Junioren, mit 19 Jahren wurde er Großmeister. Von 1973 - 1975 nahm er erstmals an einem Kandidatenturnier teil - es sollte sein bis dahin wichtigster Sieg werden! Nachdem Karpov GM Polugajewski mit 5,5 : 2,5 und GM Spasski mit 7 : 4 Punkten besiegt hatte, wartete im Kandidaten-Finale dann GM Victor Kortschnoj. Durch seinen folgenden Erfolg über Kortschnoj war der 23jährige Student Anatoly Karpov somit der offizielle Herausforderer von Weltmeister Robert Fischer um die Schachweltmeisterschaft.

Der US-Amerikaner Robert "Bobby" Fischer konnte sich jedoch nicht mit dem Weltschachbund FIDE über die Wettkampfbedingungen einigen, so daß diese Weltmeiserschaft am grünen Tisch entschieden wurde. 

Anatoly Karpov wurde am 3.April1975 zum 12. Schachweltmeister erklärt. 

1978 verteidigte Anatoly seinen Titel gegen Viktor Kortschnoj, den er bereits 1975 im Finale des Kandidatenturniers mit 6 : 5 besiegt hatte. Nach dieser erfolgreichen Titelverteidigung wurde er von Breschnev, dem damaligen Staatsoberhaupt der UdSSR, persönlich empfangen und mit dem Orden “Banner der Arbeit” ausgezeichnet. Ebenfalls 1978 wählte die Sportpresse der UdSSR ihn zum “Sportler des Jahres” aus. Auch war Karpov der erste Schachspieler der Welt, dem fünfmal hintereinander (von 1973 bis 1977) der Schach-Oscar - die höchste Auszeichnung der internationalen Organisation der Schachpresse - verliehen wurde.

Trotzdem war 1978 auch ein schwieriges Jahr für Anatoly, da sein langjähriger Trainer Semjon Furman verstarb. Neuer Sekundant wurde russische Ex-Weltmeister Michael Tal.

1980  war es erneut  GM Kortschnoj, der sich durch seinen Sieg beim Kandidatenfinale als Herausforderer gegen Weltmeister Karpov qualifiziert hatte. Dieses Mal hatte der Weltmeister “leichtes Spiel”, nach nur 18 Partien hatte er seinen Herausforderer mit 6 : 2 besiegt. Nach dieser erfolgreichen Titelverteidigung wurde Anatoly Karpov mit dem Lenin-Orden ausgezeichnet. 

1984 mußte Anatoly erneut seinen WM-Titel verteidigen. Er traf auf den 21jährigen Garri Kasparov, der zuvor im Halbfinale des Kandidatenturniers  Karpovs bisherigen Erzrivalen Victor Kortschnoj mit 7 : 4 und schließlich im Finale den “Altmeister” Smyslov mit 8,5 : 4,5 Punkten besiegen konnte. Der Wettkampf fand vom 10.September1984 bis zum 15.Februar1985 in Moskau statt, gespielt wurde auf 6 Gewinnpartien.

Dieser Titelkampf sollte alle bisherigen WM-Wettkämpfe in den Schatten stellen!

Bereits nach der dritten Partie ging Karpov in Führung, nach der neunten Partie stand es schon 4 : 0 für den Weltmeister. Es folgte eine lange Serie von Remispartien, erst im 27. Spiel gelang Anatoly ein weiterer Sieg. 5 : 0 für den Weltmeister lautete nun der Spielstand, ein Fiasko für den Herausforderer Garri Kasparov. Die letzte Hoffnung des körperlich robusten Kasparov war, daß Karpov vielleicht körperlich einbrechen würde, denn konditionell war Kasparov seinem Gegenüber deutlich überlegen. In der 32. Partie zeigte der Weltmeister dann auch erste Erschöpfungsanzeichen, Kasparov konnte dieses Match für sich entscheiden und somit den Spielstand auf 1 : 5 Punkten verkürzen. Es folgten weitere 14 ermüdende Remispartien. Karpovs Gesundheitszustand verschlechterte sich nun immer mehr. In der 47. und 48. Partie verlor Anatoly dann auch sang- und klanglos, der Spielstand lautete nun "nur" noch 5 : 3 für den amtierenden Weltmeister. 

Zu diesem Zeitpunkt war diese Weltmeisterschaft der mit Abstand längste WM-Kampf der Schachgeschichte.

Der damalige FIDE-Präsident Florencio Campomanes unterbrach auf Drängen des sowjetischen Schachverbandes den Wettkampf nach der 48. Partie. Man befürchtete, daß einer der Spieler - wohl eher Karpov - seine Gesund aufs Spiel setzen würde. Der Titelkampf wurde mit diversen Regeländerungen im September1985 neu angesetzt. Die immer noch komfortable 5:3 Führung von Karpov wurde annulliert!

Der neue WM-Kampf wurde nach den jüngsten Erfahrungen auf 24 Partien limitiert, ein Remis als halber Punkt gezählt und der Titelverteidiger würde bei einem Endstand von 12 : 12 Punkten seinen Titel behalten.

Beim Stand von 11 : 11 genügte Anatoy Karpov in den letzten 2 Partien  somit ein Remis, um seinen Titel erfolgreich zu verteidigen. Er verlor jedoch dieses Match mit 11 : 13 und somit auch seinen Weltmeistertitel!

In den folgenden Jahren trat Karpov dann noch drei Mal als Herausforderer gegen den neuen Weltmeister Garri Kasparov an. Jedes dieser Matches war äußerst spannend und wurde nur durch jeweils eine Partie entschieden. 

Im Duell 1986 in London/Leningrad unterlag Anatoly mit 11,5 : 12,5 Punkten. Der nächste Wettkampf fand 1987 in Sevilla statt. Nach einer äußerst spannenden Begegnung trennten sich die beiden “Intimfeinde” unentschieden mit 12 : 12 Punkten. Nach dem neuen Reglement reichte dies jedoch nicht für den Herausforderer Karpov. In New York und Lyon startete Karpov im Oktober 1990 seinen dritten Anlauf um die Rückeroberung der Weltmeisterkrone. Doch auch hier gelang es dem Herausforderer nicht, den aggressiv, risikofreudig und kreativ spielenden Weltmeister zu besiegen. Anatoly verlor erneut mit 11,5 : 12,5 Punkten. 

1992 endete dann vorerst der ewige Zweikampf  "Karpov gegen Kasparov". Überraschend unterlag Karpov im Halbfinale des Kandidatenturniers 1992 dem britischen Großmeister Nigel Short mit 4 : 6 Punkten. GM Short gewann auch das Kandidatenfinale gegen GM Jan Timman , den er ebenfalls mit 6 : 4 Punkten besiegte. Somit war Nigel Short der neue Herausforderer von Garri Kasparov um den WM-Titel.

Doch sowohl der Weltmeister Kasparow als auch der Herausforderer lehnten es ab, die Weltmeisterschaft unter den Bedingungen der FIDE auszutragen. Nach diversen Auseinandersetzungen mit der Weltschachorganisation FIDE, bei der es fast ausschließlich um Geld ging, weigerten sich Weltmeister Kasparov und Herausforderer Nigel Short endgültig, einen WM-Kampf nach den Regeln der FIDE durchzuführen. Sie nahmen die Organisation eines Matches selber in die Hand, gründeten die “Professional Chess Association” (PCA) und trugen eigenmächtig eine "Weltmeisterschaft" mit Geldern aus der Wirtschaft ohne die FIDE aus.

Diese Entwicklung nahm die FIDE natürlich nicht tatenlos hin. Man erkannte Garri Kasparov den Weltmeistertitel und Nigel Short das Recht als Herausforderer ab. Die in den Kandidatenmatches noch unterlegenen Anatoly Karpov und Jan Timman rückten nach und trugen 1993 den offiziellen Weltmeisterschaftskampf der FIDE aus. Dieses Match gewann Anatoly Karpov überlegen mit 6 Siegen, 2 Niederlagen sowie 13 Remis und war somit wieder  “FIDE-Schachweltmeister”!

Von 1993 an gab es nun leider zwei "Weltmeister". Zum einen den offiziellen FIDE-Weltmeister Anatoly Karpov, zum anderen den PCA-Weltmeister Garri Kasparov, der 1993 ja leicht gegen Nigel Short gewonnen hatte.

Karpovs nächste Titelverteidigung stand 1996 gegen den erst 22jährigen US-Amerikaner Gata Kamsky an. Anatoly hatte jedoch aus den Erfahrungen des WM-Matches 1984/1985 gegen den damals 21jährigen Kasparov gelernt. In körperlich bester Verfassung besiete er den sogenannten "US-Wunderknaben" Kamsky sehr souverän (+6-3=9) und verteidigte somit seinen WM-Titel.

In Dezember 1997 führte die FIDE anstelle des üblichen Kandidatenturniers erstmalig eine neue Turnierform ein. Der neue Herausforderer sollte in einem Turnier nach KO-Modus ermittelt werden. Der indische Weltklassespieler Visanathan Anand gewann dieses Turnier und erwarb sich somit das Recht, gegen Weltmeister Anatoly Karpov anzutreten. Diese Weltmeisterschaft wurde auf lediglich 6 Partien angesetzt. Bei einem Unentschieden sollten Schnellpartien über den Weltmeistertitel entscheiden. Und so kam es auch. Nach 6 Partien stand es 3 : 3, die anschließenden Schnellschachpartien konnte Anatoy Karpov überraschend klar mit 2 : 0 für sich entscheiden und verteidigte somit zum wiederholten Mal seinen Weltmeistertitel.

Im Jahre 1999 änderte die FIDE dann erneut die Regeln für Weltmeisterschaftkämpfe. Dieses Mal fand in Las Vegas (USA) vom 31.Juli bis zum 29.August1999 ein einziges Turnier im KO-Modus statt, dessen Sieger sich dann FIDE-Schachweltmeister nennen durfte. So wurde mit der über 100 Jahre alten Tradition gebrochen , daß die weltbesten Schachspieler in Kandidatenmatches einen Herausforderer für den Schachweltmeister ermitteln. 

Unter diesen neuen Bedingungen verweigerte Weltmeister Anatoly Karpov neben vielen weiteren Weltklassespielern seine Teilnahme an diesem Turnier. So kam es, das Anatoly Karpov am 29.August 1999 seinen Titel an den  russischen GM Alexander Kahlifman verlor, ohne auch nur einen einzigen Zug gemacht zu haben.

Anatoly Karpov verklagte daraufhin den Weltschachverband FIDE. Seiner Meinung nach hatte die FIDE in Zusammenhang mit der Austragung der Weltmeisterschaft 1999 eigene Gesetze mißachtet und gebrochen. Daher seien GM Khalifman sowie sein Nachfolger GM Anand nicht rechtmäßige FIDE-Schachweltmeister. In vorgerichtlichen juristischen Auseinandersetzungen und Beratungen zeigte sich, daß Anatoly Karpov wohl durchaus zu Recht die FIDE und deren allmächtigen Präsidenten verklagt hatte. Um eine erfolgreiche Klage des Spielers Karpov gegen den Weltschachbund FIDE zu verhindern. bot die FIDE Anatoly Karpov 50.000 Dollar an, verbunden mit dem Verzicht Karpovs auf einen Rechtsstreit. Desweiteren solle Karpov den aktuellen FIDE-Weltmeister trotz der wohl irregulären Ausschreibung und Durchführung der letzten FIDE-Schachweltmeisterschaften doch bitte anerkennen. Anatoly Karpov nahm das Angebot der FIDE an. Eine gerichtliche Auseinandersetzung mit der Folge, daß den GM´s Khalifman und Anand der FIDE-Titel eventuell wieder aberkannt werden müßte, hätte wohl das entgültige Aus der ohnehin total zerstrittenen Weltschachorganisation FIDE zu Folge gehabt.

Fortsetzung folgt...?!

 


17.11.2002